Juli 2026 Venedig und Bologna als Musikorte Oberitaliens: Ein Exkursionsbericht
von Karlotta Felten
Vom 08. bis 13. Juni 2026 war eine Gruppe sechs Studierender des musikwissenschaftlichen Seminars der Universität Heidelberg auf einer Exkursionsreise durch Bologna und Venedig und durfte dort zentrale Orte, Schriftstücke, Instrumente und sogar Personen der musikalischen Geschichte Oberitaliens hautnah erfahren und kennenlernen. Die Exkursion fand unter der kompetenten Leitung von Prof. Dr. Christoph Flamm und Laura Barchetti des musikwissenschaftlichen Seminars statt und wurde zuvor in zwei intensiven Sitzungen gemeinsam vorbereitet.
Das Exkursionsprogramm war über drei Tage in Bologna und drei Tage in Venedig verteilt, konstruktiv strukturiert und beinhaltete neben den Besuchen in Archiven, Sammlungen und Museen je zwei informative Kurzreferate aller Studierenden. So waren trotz gut gefülltem Zeitplan und teilweise ermüdenden Temperaturen eine vielfältige Abwechslung und ein bestmöglicher Lernzuwachs durch das Programm gegeben, von dem alle nachhaltig profitieren konnten. Alle besuchten Orte ausführlich im Bericht nachzuerzählen, würde jeden Rahmen sprengen, aber eine Aufzählung soll nicht fehlen; diese Aufzählung schließe ich dem Ende des Berichts an, gegliedert in Orte in Bologna und Orte in Venedig.
Unsere Exkursion begann nach der Ankunft in Bologna mit einer umfassenden Stadtführung durch die historischen und modernen Ecken Bolognas, vorbei an der Basilika San Petronio, dem Bologneser Konservatorium und dem Teatro comunale, sodass wir direkt zu Beginn einen guten Überblick über die Stadt und ihre Schauplätze, die wir teilweise noch besuchen würden, gewinnen konnten.
Wie auch an den folgenden Tagen ließen wir den Abend alle gemeinsam ausklingen und blickten mit viel Neugier dem morgigen Besuch im Museo della Musica entgegen. Das Museum, seine Geschichte und seine vielzähligen Ausstellungsstücke aus der Sammlung des Mönchs Giovanni Battista Martini wurden uns anschaulich von Prof. Dr. Lorenzo Bianconi nähergebracht, bevor wir ihm durch die Ausstellung gefolgt sind in der er uns nicht nur die Entwicklung des Notendrucks, sondern auch viel über das Netzwerk von Musiker*innen und Gelehrten um Martini erläutert hat. Es war beeindruckend Herrn Bianconi, der übrigens 1974 in Heidelberg promoviert wurde, zuzuhören, an seinem Wissensschatz teilzuhaben und die historisch relevanten Druckerzeugnisse aus nächster Nähe zu betrachten, von denen er uns erzählte.
Der dritte und bereits letzte Tag in Bologna bot uns schließlich auch hörbare musikalische Eindrücke - von den für uns bespielten historischen Tasteninstrumenten in der Tagliavini-Sammlung am Vormittag bis zu den zwei Orgeln der Basilika San Petronio aus den Jahren 1475 und 1596, die heute noch genutzt werden und von denen die zweite zur Blütezeit der Bologneser Mehrchörigkeit in die Basilika eingebaut wurde. Sowohl diese erlebten Instrumente, als auch die uns gezeigten Manuskripte und Chorbücher von Andrea Rota, Maurizio Cazzati und Giacomo Antonio Perti aus dem Archiv von San Petronio, waren eindrucksvolle Highlights in Bologna, die für uns nur durch diese Exkursion möglich wurden.

Auch die nächsten (unerwarteten) Highlights ließen nicht lange auf sich warten: in Venedig war unser erster Stopp die Fondazione Giorgo Cini, die neben Sammlungen zu 25 italienischen Komponisten und einer umfangreichen Forschungsbibliothek auch das Wohn- und Arbeitszimmer von Ottorino Respighi beherbergt, das aus dem Nachlass seiner Villa rekonstruiert wurde und in dem z.B. seine gesamte Bibliothek, sein Flügel und seine letzten Manuskripte enthalten sind. Ich kann für uns alle sprechen, wenn ich sage, dass es ein unvergleichliches Erlebnis war, dort selbst Bücher aus Respighis Regalen in die Hand nehmen zu dürfen und sich plötzlich der damit verbundenen Geschichte und Interessenswelt Respighis ganz nah zu fühlen.
Es folgte ein Besuch im Archivio Luigi Nono, in dem wir zwar einen Termin hatten, aber nicht damit rechnen konnten, wer uns dort begrüßen und durch die Sammlung führen würde. Durch einen glücklichen Zufall war zu unserer Besuchszeit keine Geringere als die Vorsitzende des Archivs vor Ort: Nuria Schönberg-Nono (*1932), älteste Tochter aus Arnold Schönbergs zweiter Ehe und Witwe des italienischen Komponisten Luigi Nono. Gemeinsam konnten wir dort, neben dem von Herrn Flamm herausgegebenen Faksimile, auch das Partiturautograph von Nonos Il canto sospeso studieren und haben ehrfürchtig den Erzählungen von Frau Schönberg-Nono zugehört.
Gemeinsam haben wir den Abend auf der Terrasse des Deutschen Studienzentrums in Venedig verbracht, direkt am Canal Grande. Wir wurden herzlich vom aktuellen Direktor des Studienzentrums, Dr. Richard Erkens, empfangen und durften lernen, dass das Studienzentrum in dieser Form eine einzigartige interdisziplinäre Forschungseinrichtung ist, die das Arbeiten an Projekten mit Bezug auf Venedig in vielen Fachrichtungen fördert, darunter z.B. Byzantinistik, Kunst- und Architekturgeschichte, Medizin- und Wissenschaftsgeschichte und auch Musikwissenschaft.
Unser bereits letzter Exkursionstag bestand aus Besuchen der Fondazione Ugo e Olga Levi, des Markusdoms, der Kirche des Ospedale della Pietà (an dem Vivaldi Instrumentallehrer und später Maestro de’ concerti war und viele seiner überlieferten Werke komponierte) und des Konservatoriums Venedig, an dem wir unter anderem ein Erstauflagenexemplar von Vivaldis Opus 1, einer Sonatensammlung, die er in Venedig verlegen ließ, anschauen konnten.
Neben allen musikalischen und musikwissenschaftlichen Erfahrungen kamen auch die Begegnung mit der sonstigen bologneser und venezianischen Kultur und Geschichte nicht zu kurz und ein weiterer wortwörtlicher Höhepunkt war z.B. der Blick von der Dachterrasse des Venezianer Konservatoriums, der höchsten Terrasse Venedigs, auf die man aber außerhalb eines offiziellen Besuchs wie unserem sonst gar nicht kommen würde. Dort ist auch ein Gruppenfoto entstanden.
Rückblickend wurden meine und unsere Erwartungen an die Exkursion und ihre Inhalte weit übertroffen, denn das praktische Erleben, Lernen, Anfassen und Ansehen vor Ort waren einzigartige Erfahrungen von bewahrter und gelebter Musikgeschichte, die wir in dieser Eindrucksfülle so vorher nicht antizipieren konnten. Umso dankbarer sind wir, dass wir die Möglichkeit hatten, an einer so besonderen Veranstaltung des MuWi-Seminars teilzunehmen und werden von den Erinnerungen und Inhalten noch lange begeistert erzählen und profitieren.
Programmpunkte der Exkursion
Bologna
Museo internazionale e biblioteca della musica (Internationales Museum und Bibliothek der Musik)
Museo San Colombano - Collezione Tagliavini (Museum San Colombano - Tagliavini-Sammlung)
Archivio Musicale della Basilica di San Petronio (Musikarchiv der Basilika San Petronio)
Fabbriceria di San Petronio (Fabbriceria von San Petronio)
Basilica di San Petronio (Basilika San Petronio)
Venedig
Fondazione Giorgo Cini (Giorgo Cini-Stiftung)
Fondazione Archivio Luigi Nono (Luigi Nono-Archiv und Stiftung)
Palazzetto Bru Zane (Centre de musique romantique française)
Fondazione Ugo e Olga Levi (Ugo und Olga Levi-Stiftung)
Conservatorio di Musica Benedetto Marcello di Venezia (Konservatorium Benedetto Marcello Venedig)










