Prozession der Bässe – Rituale einer Technodemonstration

Ein Exkursionsbericht von Aline Baumberger, Anton Bernardi, Christian Brohm, Silvia Gutierrez Camargo, Zuzana Mesarova, Annika von der Foehr und Cedric Wegst

Vom 10. bis 13. Juli 2025 besuchte eine Gruppe Studierender der Universität Heidelberg Berlin, um im Rahmen des Seminars „Techno-Paraden von den Anfängen bis heute“ von Prof. Dr. Christiane Wiesenfeldt die Demonstration „Rave the Planet“ zu begleiten. „Rave the Planet“ ist eine jährlich in Berlin stattfindende Technoparade, die zugleich als politische Demonstration angemeldet ist, um die kulturellen und gesellschaftlichen Werte elektronischer Tanzmusik sichtbar zu machen. Sie verbindet das Feiern zu elektronischen Klängen mit einem kollektiven Statement für Anerkennung, Vielfalt und den Schutz der Club- und Technokultur. Als Parade im öffentlichen Raum trägt sie damit zugleich die Züge einer politischen Kundgebung wie auch die ritualhafte Dimension eines kollektiven Tanzereignisses.

Ausgangspunkt der Überlegungen aus dem Seminar war die Frage, wie sich Technoparaden als moderne Form kollektiver Bewegung zu traditionellen Prozessionen verhalten – und welche ritualhaften Momente dabei sichtbar werden. Schon das Exkursionsprogramm folgte, durch einen Wechsel zwischen Theorie und Praxis, einer klaren Dramaturgie. Nach der Anreise am Mittwoch eröffnete am Donnerstag eine Stadtführung mit jugend- und clubkulturellem Schwerpunkt sowie ein Besuch im Archiv für Jugend- und Subkulturen den thematischen Rahmen. Der Freitag eröffnete einen Blick hinter die Kulissen der Demonstration: Auf dem Berliner Messegelände stand der Aufbau der sogenannten Floats, der Parade-Wagen, im Zentrum der Aktivitäten, bevor am Sonnabend die Beobachtung der Parade selbst erfolgte – ein Setting geprägt von wummernden Bässen, dichten Menschenströmen und Interaktionen zwischen DJs, Publikum und Mitarbeitenden. 

Die unterschiedlichen Eindrücke und Beobachtungen bei der Demo zeichnen ein Bild davon, wie sich die Wechselwirkungen innerhalb der Parade entfalten – zwischen Musik und Menschen, Bewegung und Raum, Ritual und Feier. Die Gruppe der Studierenden war jedoch nicht nur als Beobachter vor Ort, sondern halfen aktiv mit. So wurden die Studierenden im Vorfeld in verschiedene Bereiche der Demonstration eingeteilt, wobei das Aufgabenspektrum breit gefächert war. Es umfasste Tätigkeiten im Awareness-Team, im Catering-Controlling und als Ordner*innen auf den Floats, ebenso wie kommunikative Aufgaben.

Trotz des angekündigten Regens kamen laut Angaben der Veranstalter rund 200.000 Besucher. Schon zu Beginn war eine gespannte Erwartung in der Menge spürbar, die sich mit den ersten Beats der Floats in kollektive Bewegung verwandelte. Die Wirkung der Musik war dabei nicht rein akustisch, sondern körperlich spürbar: Schritte passten sich dem Beat an, Menschen tanzten, und es entstand eine Art kollektiver Bewegung. Die Floats prägten nicht nur musikalische Schwerpunkte, sondern erzeugten jeweils eigene Atmosphären, die in Wechselwirkung zueinander standen. Während an einigen Stellen ausgelassene Tanzstimmung dominierte, bildeten sich andernorts eher dichte, prozessionsartige Züge.

Besonders eindrucksvoll war die dichte Kommunikation innerhalb der Parade. Zwischen DJs und den Teilnehmer*innen entstand ein ständiger Austausch, getragen von Blicken, Gesten, Musik, Tanz und Jubel. Trotz des Regens blieb die Stimmung unter den Besuchern fröhlich und ausgelassen, was die kollektive Energie der Parade noch unterstrich. Eindrucksvoll war hierbei, wie sich das Raumgefühl im Laufe des Tages veränderte. Während zu Beginn um 14 Uhr noch genügend Platz auf der Straße und dem angrenzenden Tiergarten war, verwandelte sich die Dynamik gegen Abend in eine dichte, pulsierende Menschenmasse. Für die Mitarbeitenden bedeutete das, im ständigen Fluss der Musik und Körperbewegungen, zwischen Euphorie und Trance, die trotz des teils starken Regens und Erschöpfung bis in die Abendstunden anhielt, Wege durch die Menge zu finden. 

Spürbar waren auch Wechselwirkungen zwischen den einzelnen Floats, deren Klänge und Stimmungen sich teils ergänzten, teils in Konkurrenz zueinanderstanden. Auf der Straße des 17. Juni, wo die Demonstration stattfand, fuhren die Wagen in einem Kreislauf auf und ab. Begegnungen zweier gegenüberstehender Floats führten dabei zu besonderen Momenten, wobei aus den überlagernden Bässen eine Art klangliche Symbiose entstand, die den Raum zwischen ihnen füllte und das Publikum auf neue Weise erfasste.

Besonders gut konnte diese Dynamik von den Ordner*innen wahrgenommen werden, die sich ständig zwischen und auf den Floats bewegten und damit genau in jenen Zwischenräumen positioniert waren, in denen die akustischen Überlagerungen und die Bewegungen der Menschenströme am intensivsten spürbar wurden. Während die Ordner*innen rund um die Floats sowie auf den Wagen selbst positioniert waren, um dort für die Einhaltung der richtigen Abstände zu sorgen, befanden sich die Kommunikator*innen in den Fahrerhäusern der LKWs. Von dort aus übernahmen sie die zentrale Aufgabe, die Verbindung zwischen den verschiedenen Akteur*innen der Parade sicherzustellen. Über Funk und direkte Absprachen koordinierten sie den Austausch mit der Demonstrationsleitung, den Bereichsleitungen sowie den Fahrer*innen der LKWs. Auf diese Weise bildeten sie ein wichtiges Bindeglied, das den Ablauf strukturierte und auf unvorhergesehene Situationen reagieren konnte. Erwähnenswert ist, dass die Demonstrationsleitung eine Einsatzzentrale mit den staatlichen Rettungsdiensten teilte. So konnte meist eine sehr schnelle Reaktionszeit auf Vorkommnisse auf der Parade gewährleistet werden. 

Ein weiteres Team war dem Bereich Awareness zugeordnet. Es fungierte als Anlaufstelle für Menschen, die in der Dynamik der Parade Unterstützung benötigten. Eingeteilt in verschiedene Sektoren, bewegten sich die Mitglieder durch die Menge und machten sich sichtbar, auch wenn die Awareness-Rolle vielen Teilnehmenden noch nicht vertraut war. Viele wandten sich neugierig an das Awareness-Team und reagierten positiv auf dessen Präsenz. Es wurde als Zeichen von Verantwortung und Fürsorge für die Gemeinschaft wahrgenommen. Auch wenn keine akuten Gefahrensituationen eintraten, wirkte das Team präventiv und trug zu einem Gefühl von Sicherheit bei. Die Rolle des Catering-Controlling war davon geprägt, die Stände und Lizenzen zu kontrollieren. So wurde das Team direkt ins Zentrum der Bewegung gebracht und ließ sie die Parade unter anderem auch als Teilnehmende erleben.

Hervorzuheben ist, dass das Publikum der Demonstration so vielfältig wie einzigartig war; von einer Mutter, deren fasziniertes Kind die Parade beobachtete, über eine Gruppe, die sich mit Campingstühlen an den Rand der Parade setzten, um den vorbeifahrenden Wagen zu lauschen, hin zu einem ausgelassen tanzenden Jugendlichen, der hinter einem Float herlief: Es gab keine bestimmte Altersgruppe, aber ein Zusammentreffen und Dialog zwischen verschiedenen Generationen, Nationalitäten, Geschlechtern und Religionen. Es war eine Parade, die keinen „korrekte“ Art der Teilnahme oder fixe Verhaltensweisen vorgab, und so konnte jeder in seiner eigenen Vielfalt und nach den eigenen Vorlieben die Demonstration besuchen und mitgestalten. So divers wie das Publikum waren auch die Motivationsgründe zur Teilnahme. Ein Teil war dort, um für die Ziele der Demonstration einzustehen, einige suchten den sozialen Kontakt oder die Party und waren mit Freunden unterwegs, andere beobachteten einfach nur oder erfreuten sich an der Musik und dem Austausch.

Obwohl die Rollen der einzelnen Teams organisatorisch geprägt waren, erlebten sie dennoch die rituellen Dimensionen der Demonstration. Ständig zwischen den Wagen, Ständen und Besuchermassen unterwegs wurde die Demonstration nicht nur von außen, sondern auch von innen – aus organisatorischer Sicht – wahrgenommen, wie ein Teil des Prozessionskörpers, der sich durch die Straßen bewegte. Das Gedränge, der Regen und vor allem der allgegenwärtige Klang der Bässe machte bewusst, wie stark Musik und Bewegung verschmelzen und selbst jene, die nicht aktiv tanzen, körperlich einbeziehen.

Aus unserer Perspektive war es eine durchweg friedliche Parade, trotz der großen Menschenmassen und des schlechten Wetters. Wir durften eine Gruppe von Menschen kennenlernen, die sich trotz Regen nicht unterkriegen lassen hat und, durch Ihre positive Energie und Offenheit gegenüber anderen, eine ganz besondere Atmosphäre auf der Straße des 17. Juni geschaffen haben.